Eltern wissen es: es ist langer Weg mit vielen Tippelschritten vom Säugling zum Erwachsenen. Deswegen lieben sie auch jeden kleinen Tippelschritt ihres Nachwuchses, das erste Brabbeln, Laufversuche, erste Freunde im Kindergarten, ersten Liebeskummer. Gute Eltern wissen: die kindlichen Fortschritte kann man nicht erzwingen, jedes Kind hat sein eigenes Tempo um vorwärts zu kommen.

Wenn es um Veränderungen in der vielfach kritisierten Fast-Fashion Modeindustrie geht, setzt auf einmal ein wohlwollender Tippelschritt Optimismus ein.

Es geht nicht um sofortige, spürbare Verbesserungen der Arbeitsbedingungen der Näherinnen oder die deutliche Reduzierung der katastrophalen ökologischen Folgen. Der aller kleinste Fortschritt ist willkommen und wird bejubelt. Primark hat im Februar seine Produzenten veröffentlicht und dafür viel positive Aufmerksamkeit bekommen. Der Fast-Fashion Riese ist also auf dem Weg zu mehr Transparenz und jetzt gehört Primark zu den Guten und wir können alle beruhigt weitershoppen.

Im Kern möchten die Menschen nur einen beruhigenden Tippelschritt der Fast-Fashion Unternehmen, diese kleinen Schritte ändern nicht wirklich etwas, beruhigen aber das Gewissen. Den Bruch mit dem sorglos schönen Billig-Shoppen möchte man ja auch nicht.

Zu einer weiteren Form der Gewissensberuhigung hat sich das Textilbündnis für Kleidung entwickelt, dass 2014 nach dem schlimmen Rana Plaza Unglück gegründet wurde. Bei dieser staatlichen Krabbelgruppe darf jeder mitmachen und jeder kleine Fortschritt ist willkommen und wird gefeiert. Primark und andere Fast-Fashion Anbieter sind auch Mitglieder des Bündnisses des Entwicklungsministeriums.

Die letzten 3 Jahre hat das Bündnis damit verbracht zu überlegen, was Fair und Nachhaltig eigentlich bedeutet und jetzt kann es  los gehen. Natürlich heißt es nicht „Tippelschritte“ beim Bündnis, sondern Roadmap, das klingt dynamischer und schneller. Wo es aber genau hingehen soll und in wie viel Jahren oder Jahrzehnten ein Unternehmen im Ziel ankommt, ist offen. Wer sich gar nicht bewegt, soll aus dem Bündnis ausgeschlossen werden.

Kein Problem, bügelt die PR-Abteilung schon aus. War ja nur eine Zusammenarbeit mit dem Entwicklungministerium und nicht dem Wirtschaftsministerium. Die aktuelle Meldung von Entwicklungsminister Müller, dass es ab 2019 ein grünen Knopf für 100% nachhaltige und faire Mode geben soll, wirkt wie der Wunschtraum eines 4 Jährigen. In der Erwachsenenwelt (=konventionelle Modebranche) nicht möglich und auch nicht wirklich erwünscht. Nur kindliche Fantasie, die nicht wirklich ernst genommen werden.

Diese kuschelpädagogische Umgang mit der Modeindustrie ist falsch. Die negativen Auswirkungen der globalen Modeindustrie sind viel zu gewaltig um sie klein zu reden, deshalb muss diese Industrie grundlegend geändert werden. Dies geht aber nur in großen Schritten. Die Modebranche hat eine zu hohe globale Verantwortung für Mensch und Natur, um sich mit Mini-Schritten ändern zu dürfen. Fast-Fashion als Geschäftsmodel ist nicht kombinierbar mit Fairness und Nachhaltigkeit. Wenn in den Medien wieder wohlwollend von kleinen Fortschritten der Modeindustrie zu transparenter Nachhaltigkeit und Fairness berichtet wird, bleibt nur eins zu sagen, leider nicht kindgerecht: Fucking Bullshit.